Grußwort des Schirmherrn 2011
Liebe Festivalgäste,
schon zum 7. Mal findet sich im Kölner Friedenspark eine fröhliche und
bunte Menge von Musikern und Zuhörern verschiedenster Altersklassen
und Nationalitäten zusammen, um gemeinsam das Edelweißpiratenfestival
zu feiern. In diesem Jahr befinden sich einige besondere »Würdenträger«
unter den Ehrengästen, denn im April durfte ich im Auftrag des Bundes-
präsidenten fünf ehemalige Kölner Edelweißpiraten nicht zuletzt auch für
Ihr Engagement im Rahmen der bisherigen sechs Festivals mit dem
Bundesverdienstkreuz auszeichnen.
So bunt und vielfältig wie das heutige Festivalpublikum waren in der Zeit
des Nationalsozialismus auch jene Gruppen von Jungen und Mädchen, die
sich weigerten, sich der von Seiten der HJ kompromisslos eingeforderten
Ordnung und Disziplin zu beugen. Zum Teil in bündischer Tradition, zum
Teil auch in Nachahmung anderer Stilelementen jugendbewegten Lebens,
in jedem Fall aber eindeutig gegen die „Staatsjugend“ gerichtet, trafen sich
die Gruppen der Kölner „Navajos“ und „Edelweißpiraten“ an verschiedenen
Stellen des Stadtgebiets oder auf Wanderungen und Fahrten.
Das geschah nie ohne „Klampfe“ und einem großen Repertoire an Liedern,
von denen viele zu Spottversen gegen die Hitlerjugend umgedichtet wurden.
Dieses Liedgut machte einen Großteil der Identität der Edelweißpiraten aus
und stellt in aller Regel bis heute die einzigen schriftlichen Selbstzeugnisse
dieser sehr heterogenen Gruppen dar. Umso erfreulicher ist es, dass nach
dem Musikprojekt „Es war in Schanghai“, das das NS-Dokumentations-
zentrum im Jahr 2004 durchführte und das den eigentlichen Ursprung des
Edelweißpiratenfestivals darstellt, im letzten Jahr und wieder unter Mit-
wirkung des NS-Dokumentationszentrums das Liederbuch »Gefährliche
Lieder« erscheinen konnte, das unter Mitwirkung vieler Zeitzeugen eine
Vielzahl von so der Untertitel „Liedern und Geschichten der unange-
passten Jugend im Rheinland 1933-1945“ dem Vergessen entreißt.
So wächst und gedeiht das im Wortsinn lebende „Denkmal“ des seit 2005
veranstalteten Edelweißpiratenfestivals auch in diesem Jahr weiter. Man
kann mit Fug und Recht behaupten, dass es seitdem nicht nur gelungen
ist, eine alte Tradition wiederzubeleben, sondern zugleich auch eine neue
zu begründen, von der ich hoffe, dass ihr noch eine lange Lebensdauer
vergönnt sein wird. Es geht nämlich nicht nur darum, Denken und Handeln
der damals unangepassten Jugendlichen zu würdigen, sondern das Festival
ist auch bestens geeignet, heute und künftig für ein buntes, offenes,
interkulturelles und vor allem friedfertiges Miteinander zu werben.
Ihr
Jürgen Roters
Oberbürgermeister der Stadt Köln
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Vorwort 2011:
»Kein Schöner Land ...« -
Das Motto unseres Edelweißpiratenfestivals 2011 mag für manchen miss-
verständlich klingen. Am besten versteht man es, wenn man den kompletten
Refrain dieses urromantischen Liedes kennt: »Kein schöner Land in dieser
Zeit / als hier das uns’re weit und breit / wo wir uns finden / wohl unter
Linden / zur Abendzeit«.
Geschrieben wurde es um 1840 von Anton Wilhelm von Zuccalmaglio, der
im Bergischen Waldbröl geboren wurde und in Köln das Gymnasium besucht
hat, bevor er als Heimatschriftsteller, Volksliedforscher und Komponist
einige Berühmtheit erlangte.
Eigentlich ist es kein typisches Edelweißpiratenlied, aber es wurde gern
gesungen. Vielleicht weil es eine so romantische, naturverbundene,
»unschuldige« Heimatliebe schildert, ganz ohne nationalistisches Pathos.
Dass es dennoch nach dem Krieg für viele unsingbar war, ja dass es sogar
lange Zeit als zynisch empfunden wurde, ist nachvollziehbar, weil dieses
»schöne, deutsche Land« für viele Jahre zum Inbegriff des Bösen mutiert
war Krieg und Massenmord von romantischer Heimattümelei kaschiert
oder sogar befördert worden war.
Dabei übersah und übersieht man zumeist, dass nicht nur die Täter,
sondern auch die Opfer deutsch waren: Juden, Zigeuner, Kommunisten,
Schwule, Behinderte und andere »Minderheiten«, die nicht ins perverse
Schema der Nationalsozialisten passten, waren mindestens so deutsch,
wie ihre Peiniger, Mörder und deren Handlanger. Deshalb war und ist es
nicht damit getan, aller deutscher Volkstradition abzuschwören. Man muss
schon genauer hinhören und differenzieren. Nicht nur aus Respekt, für
Edelweißpiraten & Co, die ihrer unangepasst, romantischen Lieder wegen,
verfolgt und gefoltert worden sind.
Es stärkt auch die Identität jenes diffusen Gebildes, dass wir ungern beim
Namen nennen (Staat, Nation, Volk?) dem aber letztlich auch die Chance
innewohnt, unserer ganzen deutschen Vielfalt einen Nenner zu geben; auf
dass wir es den Sarazins, Friedrichs und Schlimmeren nicht zu einfach
machen, ihre negative Defintion von »deutsch« zu etablieren, im Sinne
von »wer gehört nicht dazu ...«.
Dass »deutsch« zwar schön aber niemals eine Monokultur sein kann,
zele-brieren wir beim Edelweißpiratenfestival schon im siebten Jahr auf
vielfältigste Weise. Im Mittelpunkt steht wie immer die Musik. Mehr als
25 Bands spielen auf fünf Bühnen zu Ehren der »Antihitlerjugend«. Sie
singen in Deutsch aber auch in Suaheli, Romanes, Türkisch, Spanisch,
Russisch, Kölsch ... - weltoffen im Klang, unangepasst im besten
Edelweißpiraten Sinne!
Besonders freuen wir uns wieder auf unsere Zeitzeugen - Edelweißpiraten,
freie Bündische, Sturmscharler etc. (im Zeitzeugen-Café)! Hintergrund-
Infos gibt’s wieder in der Ausstellung des NS-Dok im Baui sowie im Buch
zum Festival »Gefährliche Lieder«, das ihr Euch am Info-Stand kaufen
solltet! Und wo wir gerade dabei sind, bitte spendet kräftig! Und esst
und trinkt an unseren Festivalbuden, damit wir diese heimatliche
Festival-Vielfalt weiterhin so schön feiern können!
Herzlichen Dank an alle Helfer + Förderer!
Jan Krauthäuser
für das Festival-Team
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Rheinlandtaler für Humba-Vorstand
Jan Krauthäuser, Humba-Mitbegründer und e.V.-Vorsitzender etc., wurde
am 14.04.2011 für seine Verdienste um die kulturelle Entwicklung des
Rheinlands vom Landschaftsverband Rheinland, LVR ausgezeichnet.
Laudatio zur Verleihung des Rheinlandtalers des Landschaftsverband
Rheinland (LVR)
Jan Krauthäuser wird für seine Verdienste um die interkulturelle
Verständigung und die Förderung der regionalen Musikkultur
ausgezeichnet. Köln, den 14. April 2011
Sehr geehrte Damen und Herren,
im Namen des Landschaftsverbandes Rheinland möchte ich Sie herzlich
zu der heutigen Feierstunde begrüßen. Ich freue mich, dass wir heute
gleich vier Persönlich-keiten mit dem Rheinlandtaler auszeichnen können:
Herrn Hermann Hertling, Herrn Jan Krauthäuser, Herrn Willi Reisdorf und
Herrn Prof. Dr. Arnold Wolff.
Sie alle haben sich um die Kulturarbeit hier im Rheinland verdient gemacht,
in der Denkmalpflege, in der Mundart- und Heimatpflege und in der
Kulturzusammenarbeit mit Menschen unterschiedlicher Nationalität.
Meine Damen und Herren,
Internationalität und kulturelle Vielfalt kennzeichnen den Wandel unserer
zunehmend globalisierten Welt, in der die Menschen über alle Grenzen
hinweg in Bewegung sind. Diesen gesellschaftlichen Wandel positiv zu
gestalten gehört zu den vornehmlichsten Aufgaben des Landschafts-
verbandes Rheinland.
Und damit komme ich direkt zu Ihnen, sehr geehrter Herr Krauthäuser,
denn Sie haben sich stets für das konstruktive Miteinander unterschiedlicher
Kulturen in unserer Stadt eingesetzt. Als Mittel der Verständigung diente
Ihnen dabei vor allem die Musik.
Meine Damen und Herren,
Herr Krauthäuser hat sich seit vielen Jahren um die Förderung der regionalen
Musikkultur verdient gemacht. Bereits als Schüler begann er, Konzerte zu
organisieren. Später gründete er den Verein „Humba e.V.“, der sich formiert
hat, um der blühenden musikalischen Vielfalt dieser Stadt eine Bühne zu bieten.
Dabei geht es um eine Verbindung von „kölscher“ Musik und internationalen
musikalischen Einflüssen aus verschiedenen Kulturen. Die heimische Musik
tritt in einen fruchtbaren Dialog mit der Musik der Welt: Kölsche Lieder,
gemischt mit brasilianischen Trommelrhythmen und Südseeklängen der
Ukulele. Die Musik durchbricht Barrieren zwischen Lebenswelten und schafft
Harmonie zwischen Kulturen Weltmusik mitten in Köln.
Und wo und wann lassen sich regionales Brauchtum und mitreißende Tanz-
musik besser kombinieren als im Kölner Karneval! Höhepunkt des Veranstal-
tungsprogramms des Humba e.V. ist seit 17 Jahren die „Humba-Party“.
Jedes Jahr zur Karnevalszeit präsentiert dieses Festival unter dem Motto
„kölsch-international“ ein buntes Weltmusik-Programm vom Allerfeinsten.
Dabei geht es nicht nur um "multikulti", sondern um eine generationen-
und genreübergreifende, experimentierfreudige Festkultur. Mit dem
Weltmusik-Festival, meine Damen und Herren, setzt der Verein Humba e.V.
jedes Jahr ein Zeichen für die Liberalität und Weltoffenheit der Kölner.
Wie originell und innovativ die Kulturprojekte von Herrn Krauthäuser sind,
zeigt auch das folgende Beispiel:
Was verbinden Sie, meine Damen und Herren, mit dem Begriff Schreber-
garten? Sicherlich kein nationale wie kulturelle Grenzen überschreitendes
Musikprogramm. Genau das stand aber im Mittelpunkt der „Humba-
Schrebergarten-Touren“, die der Verein vor einigen Jahren in den
Kleingartenanlagen der Kölner Vorstädte veranstaltete. Hier traf der
Schrebergarten als sozusagen „urdeutscher“ Ort auf die Musik
anderer Erdteile. Der Reiz dieses Projekts ist wiederum die besondere
Spannung zwischen der vertrauten, heimischen Kultur und unbekannten,
fremden Kulturen.
Auf die Initiative von Herrn Krauthäuser geht auch das Kölner „Edelweiß-
piratenfestival“ zurück, das 2005 zum ersten Mal gefeiert wurde. Die
Veranstalter bezeichnen dieses Festival zu Recht als „lebendiges Denkmal
zu Ehren der unangepassten Jugend der Nazizeit“. 2010 präsentierte das
Festival die Lieder, die von den Jugendlichen im Geiste des Widerstands
gesungen wurden und die heute von ganz unterschiedlichen Musikern für
unsere Gegenwart neu interpretiert werden. Das Projekt, das Herr Kraut-
häuser als Vorsitzender des „Edelweißpiratenclubs“ mit verantwortet, steht
für eine ganz besondere Form der Erinnerungskultur. Der LVR hat das
Projekt deshalb finanziell unterstützt und ermöglichte die Herausgabe
eines Liederbuches und einer CD „Gefährliche Lieder: Lieder und Geschichten
der unangepassten Jugend im Rheinland 1933-1945“, welches wir hier im
vergangen Jahr auch vorgestellt haben.
Sehr geehrter Herr Krauthäuser,
Ihr Thema war immer die Begegnung zwischen der heimischen, sprich der
„kölschen“ Kultur und fremden Kulturen, denen Sie mit persönlicher Ent-
deckerfreude nachgespürt haben. Mit Ihren Projekten haben Sie wichtige
Impulse gesetzt für das friedliche kulturelle Miteinander hier in Köln. Dafür
möchte ich Ihnen im Namen des Landschaftsverbandes Rheinland danken!
(es gilt das gesprochene Wort)
Jutta Eckenbach
Stellvertretende Vorsitzende der
Landschaftsversammlung Rheinland
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Grußwort des Schirmherrn 2010
Sehr geehrte Festivalgäste,
das Edelweißpiratenfestival ist für mich Traditionspflege
im besten Sinne. Nun schon zum sechsten Mal kommen
junge und alte Menschen - ob als aktiv Beteiligte oder
zum Zuhören und Mitmachen, ob kultur- oder geschichts-
interessiert -, zu einem Open-Air-Konzert der besonderen
Art zusammen. Ein Tag lang wird mit einem bunten
Programm an das Erbe der Jugendlichen angeknüpft,
die sich mit ihrer Kultur ganz elementar von den gleich-
geschalteten Jugendlichen in der Hitler-Jugend und dem
Bund Deutscher Mädel unterschieden. In ihrer Musik,
ihrer Kluft und ihrem Freizeitverhalten setzten sie der
gleichgeschalteten, staatstragenden Jugend der National-
sozialisten andere Ideale entgegen. Sie demonstrierten
damit, dass sie mit der Inhumanität des Regimes nichts
zu schaffen hatten, sondern sich als abenteuerlustige und
weltoffene Menschen humanen Grundsätzen verpflichtet
fühlten.
So ist es kaum verwunderlich, dass das NS-Regime diesem
Freigeist zutiefst misstraute und die während des Krieges
noch wachsende Schar von unangepassten Jugendlichen
als Gefahr begriff. Insbesondere die in der Kölner Region
stark vertretenen Edelweißpiraten waren der Gestapo ein
Dorn im Auge. Vor allem diejenigen unter ihnen, die aktiv
politischen Widerstand leisteten, wurden verhaftet, verhört,
gefoltert und oft auch verschleppt. Nach 1945 geriet das
widerständige Verhalten dieser Jugendlichen rasch in Ver-
gessenheit, zum Teil sogar in Verruf. Erst ein allmählicher
Prozess des Umdenkens führte dazu, dass eine Neube-
wertung dieser Jugendlichen möglich war.
Dieses Umdenken verdanken wir zunächst und vor allem
den unermüdlichen Edelweißpiraten, die wie Mucki Koch,
Jean Jülich, Fritz Theilen und viele andere Zeugnis ablegten
auch in einer Zeit, als niemand ihre Geschichte hören wollte.
Dann bedurfte es aber auch einer historischen Aufarbeitung,
die mit der Ausstellung ,Von Navajos und Edelweißpiraten
-- Unangepasstes Jugendverhalten in Köln 1933-1945' im
NS-Dokumentationszentrum im Jahr 2004 weite Kreise der
Öffentlichkeit erreichte. Auch die offizielle Anerkennung des
mutigen Widerstandes von Edelweißpiraten, an der ich in
meiner Amtszeit als Regierungspräsident mitwirken konnte,
zählt sicher dazu. Und schließlich ist der kulturelle Transfer
in die heutige Zeit zu nennen, der auf ganz hervorragende
Weise mit dem Edelweißpiratenfestival geleistet wird.
Ich bin sehr froh darüber, dass mit dem Festival eine
Tradition wiederbelebt und für die Zukunft neu begründet
wird, die die Nationalsozialisten brutal unterdrücken wollten.
Dies ist sicher das beste Mittel, um den Opfern dieser Ver-
folgung dauerhaft einen Platz in unserer Erinnerungskultur
zu bewahren.
Ihr
Jürgen Roters
Oberbürgermeister der Stadt Köln,
Schirmherr des Edelweißpiratenfestivals
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Grußwort des Schirmherrn Jürgen Roters zum
Edelweißpiraten-Festival 2009
»Gut, dass es das Edelweißpiratenfestival auch in diesem
Jahr wieder gibt. Dieses Festival ist inzwischen Tradition
und vor allem, es bewahrt die Tradition der Edelweiß-
piraten.
Die Edelweißbewegung darf nicht in Vergessenheit
geraten. Sie hat vielen jungen Menschen in der Vor-
kriegszeit einen geschützten Raum gegen militärischen
Drill und nationalsozialistische Gleichmacherei geboten.
Wir sehen es heute an den Liedern der Edelweiß-
generation. Diese Lieder lassen uns den Freiheitsdrang
und den Wunsch nach ungebundenem Denken erspüren.
Es sind nicht immer die politischen Lieder, die dies be-
weisen. Auch das ausgelassene fröhliche Zusammensein
ist schon in der Zeit der nationalsozialistischen Verein-
nahmung ein politisches Signal; ein Zeichen der
Unabhängigkeit, der Toleranz und Freiheitsliebe.
Es waren tausende von Jugendlichen, die sich auf
ihre Art dem Zwang der Nazis entzogen haben. Es
war spontaner Widerstand. Viele junge Edelweißpiraten
hatten kein intellektuell geprägtes geschlossenes
Weltbild; gemeinsam war allen jedoch der Wunsch
nach Freiheit und persönlicher Entfaltung.
In der Region Köln war die Edelweißbewegung recht
stark vertreten. Wir wissen heute auch vom aktiven
politischen Widerstand einzelner Jugendlicher und
Jugendgruppen. Die überlebenden Piraten haben
darüber in Büchern und Erzählungen berichtet. Mich
persönlich haben die Edelweißpiraten in den Bann
gezogen. Ich habe großen Respekt vor der Haltung,
sich nicht wegzuducken, nicht anzupassen, nicht den
Heilsverkündern hinterherzulaufen. Edelweißpiraten
haben in großer eigener Gefahr von den Nazis
verfolgten Menschen geholfen und ihr Leben gerettet.
Nachdem dies über viele Jahrzehnte in der Nachkriegs-
zeit verdrängt, ignoriert oder geleugnet wurde, sind
die Edelweißpiraten, die aktiven politischen Widerstand
geleistet hatten, heute rehabilitiert. Ihr Mut und ihr
Eintreten für Verfolgte ist öffentlich und offiziell aner-
kannt und geehrt worden. Ich bin froh, dass ich dabei
mitwirken konnte.«
Jürgen Roters
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Grußwort der Bürgermeisterin Angela Spizig zum
Edelweißpiraten-Festival 2008
Zum vierten Mal findet in Köln das Edelweißpiraten-
Festival statt, und zum vierten Mal darf ich Schirmherrin
sein. Mit Freude und Bewunderung konnte ich über die
Jahre feststellen, wie das Festival sich entwickelte und
immer mehr und neue Besucher und Teilnehmer fand.
Beim Konzert im Friedenspark begegnen wir den
unterschiedlichsten Gruppen: jungen Musikern,
internationalen Bands, und vor allem den Zeitzeugen,
den überlebenden Edelweiß-Piraten wie Mucki Koch,
Hans Fricke und Jean Jülich Jean immer noch mit
Gitarre! Sie haben als Jugendliche ihre Lieder gesungen,
sie haben nicht bei der Hitlerjugend mitgemacht, sie
haben sich gegen die Nazi-Herrschaft aufgelehnt, und
viele ihrer Freunde haben ihre Haltung teuer bezahlen
müssen - sie wurden gefoltert und hingerichtet.
Das Festival erinnert an diese Jugendgruppen und an
ihren Mut, unangepasst zu sein, ihren Sehnsüchten
und Idealen zu folgen, sich nicht dem Zwang des
Hitlerregimes zu unterwerfen. Es schlägt eine Brücke
zur Gegenwart: während wir den Musikern zuhören,
uns an der Musik erfreuen, stellen wir uns die Frage,
wie viel Mut wir wohl damals aufgebracht hätten
und wie weit wir heute bereit sind, uns für eine
gerechte, demokratische und solidarische Gesellschaft
einzusetzen.
In einem inspirierenden Rahmenprogramm werden
solche Fragen vertieft neben viel Musik für alle
Altersgruppen gibt es Podiumsdiskussionen und die
berührende Ausstellung des NS-Dokumentations-
zentrum „Von Navajos und Edelweißpiraten“, die im
Baui-Saal besichtigt werden kann. Ganz aktuell ist
das Spezialthema: „Von Christen, Kommunisten und
anderen Idealisten“.
Allen, die das Edelweißpiraten-Festival mitgestalten,
danke ich ganz herzlich und wünsche ihnen viele
aufgeschlossene und begeisterte Besucher, die sich
von der Geschichte und den Liedern der Edelweiß-
piraten bewegen lassen!
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»Der »Bauspielplatz Friedenspark« ist Ort und Teil
des Festivals. Sein Name ist Programm: Bis in die
80er Jahre hieß der Park noch »Hindenburgpark«,
bevor eine Friedensinitiative die Umbenennung
durchsetzte. Unsere Adresse, Hans-Abraham-Ochs-
Weg 1 erinnert seit zwei Jahren an einen achtjährigen
Jungen, der 1938 im benachbarten Römerpark wegen
seiner jüdischen Abstammung von HJ-Jugendlichen
totgeschlagen wurde. Zu diesem Thema führten
»Baui-Kids« 2004 ein beeindruckendes Musical auf.
Unser offenes Kinder- und Jugendzentrum ist keine
Flipper-Fluchtburg. Hier übernehmen Jugendliche
Verantwortung, politisch und musikalisch: Wir sind
stolz, dass für nicht wenige der Festival-Musiker die
erste Bühne eine Baui-Bühne war. Der Baui ist ständig
von Streichungen bedroht. Helft dem Baui er hilft
euren Kindern!«
»Edle, weiße Piraten!
Eigentlich sind alle Kids Eure Fans. Immer wieder
rebellieren sie gegen eine Kultur, die ihnen vorgekaut
wird. Sie wollen ihre eigene schaffen, ihre Gefühle
unabhängig zum Ausdruck bringen. Deshalb feiern
sie gern mit Euch. Auch wenn ihre Musik heute anders
klingt, das eine oder andere Lied bleibt bestimmt
hängen!«
Gottfried Schweitzer,
Offenes Kinder- und Jugendzentrum
»Bauspielplatz Friedenspark«
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»Im Dritten Reich gab eine beachtenswerte Gruppe
von Jugendlichen, die sich dem Drill und der Unter-
ordnung des Naziregimes entzogen. Darunter waren
auch zahlreiche Edelweißpiraten. Sie zeigten den
Unterschied zur Hitlerjugend durch ihre Kleidung
und durch die Musik, die zu ihren gemeinsamen
Treffen gespielt wurde. Es ist spannend, sich mit
diesen Liedern in die damalige Zeit und ihre Gefühle
versetzen zu lassen! Das Festival wird dazu beitragen,
die Lieder nicht zu vergessen. Sie gehören zu unserer
Musiktradition. Vieles ist heute noch aktuell.«
Jürgen Roters,
Regierungspräsident
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»Was uns mit den Edelweißpiraten verbindet, ist
die Lust auf Musik, das Musizieren in Parks und auf
Plätzen. Was uns von ihnen unterscheidet, ist die
Zeit in der wir leben.
Was uns beeindruckt, dass sie Musik als Widerstand
ausübten. Und Musik ist eine ideale Form des Wider-
standes: So gewaltlos in ihrer Art, so gewaltig in
ihrem Ausdruck«
Betsy de Torres,
Eierplätzchenband
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»Eigentlich gehören Liedgutpflege und Open-Air-
Festivals nicht zu den Kernaufgaben des NS-
Dokumentationszentrums. Dem Edelweißpiraten-
festival sind wir aber mehrfach verbunden. Erstens
haben wir seit unserer Ausstellung »Von Navajos
und Edelweißpiraten Unangepasstes Jugendver-
halten in Köln 1933-1945« (2004) darauf hingear-
beitet, dass die Musik dieser naziresistenten
Jugendszene dem Vergessen entrissen und
»jugendkompatibel« neu aufgelegt wird. Bisheriges
Ergebnis ist das vom NS-Dokumentationszentrum
angeregte Buch/CD/Film-Projekt »Es war in
Schanghai«, das sich reger Nachfrage erfreut.
Zweitens bietet gerade das Festival den geeigneten
Rahmen, Jugendlichen die Lieder und Verhaltens-
weisen der unangepassten Jugend der NS-Zeit
nahe zu bringen. Und drittens ist der gemeinsame
Auftritt ehemaliger Edelweißpirat/innen und heutiger
Bands nicht nur für die Beteiligten ein großer Spaß,
sondern auch ein lebendiges Zeichen dafür, dass die Edelweißpirat/innen nach Jahrzehnten endlich Aner-
kennung finden. In diesem Sinne treten wir gerne
als Mitveranstalter des Festivals auf und wünschen
uns seine regelmäßige Fortsetzung.«
Nicola Wenge,
NS Dokumentationszentrum der Stadt Köln
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»Wir Zugvögel bringen uns gern in das Festivalprojekt
ein, weil es einen bisher wenig beachteten Aspekt der
deutschen Geschichte über das Medium Musik zugäng-
lich und erfahrbar macht. Zudem fühlen wir uns den
Edelweißpiraten durch die »bündische« Liedertraditon
sehr verbunden. Singen als Bühnenvortrag ist für uns
nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Insofern ist
uns Lebendigkeit beim Singen wichtiger als musika-
lische Perfektion. Ähnlich wie die Edelweißpiraten
gebrauchen wir Lieder als kulturellen Rahmen für
unser freundschaftliches Beisammensein.
Jörg »Plauder« Seyffarth
von den Zugvögeln
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Wir interessieren uns für das Projekt, weil unser
eigener musikalischer Impetus viel mit dem der
Edelweißpiraten zu tun hat. Volks- und Straßenmusik
eben. Und dann sind »unsere Piraten« ja nicht nur
Piraten, sondern auch Kölsche! Und so hat sich beim
gemeinsamen Singen von alten kölschen Leedchern
ein richtig herzliches Verhältnis entwickelt mit Mucki
& Willi und Helga & Peter.
Die sin richtig herrlich, die vier!
Bettina Wagner,
SakkoKolonia
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Natürlich hatten wir schon von den Edelweißpiraten
gehört,zumindest von jener handvoll Ehrenfelder
Jugendlicher, deren tragische Geschichte alle Jahre
wieder zu verbissenen Diskussionen führte.
Als wir dann aber die Fotos im NS-Dokumentations-
zentrum sahen dutzende fröhlicher, adrett gekleideter
Naturburschen und mädels, die sich in malerischer Umgebung zumeist um Gitarren scharten spürten
wir: Hier klafft eine mekwürdige Lücke in unserem
Geschichtsbild.
Wenig später bekommen wir im Rahmen des Edel-
weißpiraten-Musikprojekts die Gelegenheit, einige
dieser Jugendlichen kennen zu lernen, gut 60 Jahre
älter, aber scheinbar ebenso fröhlich, kämpferisch
und sangesfreudig wie auf den alten Fotos.
In die Gespräche über Ihre Lieder mischen sich
immer wieder Anekdoten, roman-tische und freche,
dann zunehmend dramatischere, verzweifelte.
Sie wollen keine Helden gewesen sein, sie hätten nur
getan, was normale Jugendliche eben so tun: Singen,
flirten, raus in die Natur ein bisschen Freiheit genießen.
Und sich wehren, wenn sie angegriffen wurden von den
Hitlerjugendbanden.
Nicht wenige zahlten einen hohen Preis für ihre
jugendliche Zivilcourage: Gestapohaft, Folter, Arbeits-
lager. Und nach dem Krieg, statt Dank und Trost,
pauschale Diffamierung und kollektive Verdrängung.
Doch die Geschichte der Edelweißpiraten und anderer
naziresistenter Jugendgruppen ist noch nicht zu Ende.
Immer noch sind viele Überlebende unter uns und
freuen sich, wenn ihr Bild endlich zurechtgerückt wird:
Raus aus dem Orkus derGeschichte, rein in die Parks
und in die Herzen all jener, die lieber freche Lieder
singen als mit dem Strom zu schwimmen.
So hat sich denn im Jahre 2005 nach und nach eine
Festivalensemble formiert, um nach Edelweißpiratenart
in lauschigen Parkwinkeln zu musizieren. In seiner
Vielfalt - Musikanten von Mexiko bis Bulgarien, vom
Kindergartenchor bis zur Latin Combo - steht es auch
für die Ideale jener friedliebenden Piraten, für ihr
Fernweh und ihre Sehnsucht nach einer offeneren,
gerechteren Heimat.
Jan Ü. Krauthäuser
für das Festival-Team
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»Auch die Lieder gefielen mir besser«
Am 16. Juni 2005 wurden vier Edelweißpiraten von
Regierungspräsident Jürgen Roters offiziell als Wider-
standskämpfer anerkannt, die 1944 im Alter von 16
und 17 Jahren in Ehrenfeld hingerichtet worden waren.
Roters befasst sich seit einiger Zeit mit der Materie,
da es ihm ein Anliegen ist, frühere Fehler seiner
Behörde auszubügeln. Bis 1984 wurden die Edel-
weißpiraten bei der Entschädigungsbehörde noch
als Kriminelle geführt, ein Gutachten von 1988
bescheinigte ihnen dann, sie seien zwar keine Krimi-
nellen aber auch keine Widerstandskämpfer, dafür
fehle ihnen die »hohe ethische Gesinnung«. Es sollten
also 61 Jahre vergehen bis der Mut und die Taten
dieser Jugendlichen offiziell anerkannt wurden.
Fast ebenso lange waren auch ihre Lieder verschwun-
den, die eine große Bedeutung für die Edelweißpiraten
hatten. Jugendliche definieren sich ja gern über ihre
Musik und ihr Aussehen. Der Punk schreibt die Namen
seiner Lieblingsbands dick auf seine Lederjacke, der
halbstarke Rock'n'Roller trug Jeans und Haartolle und
auch da wo Pop sich heute links findet, spielen ver-
schiedene Kleidermoden eine Rolle.
Das war in den vierziger Jahren gar nicht so anders,
nur erheblich gefährlicher. So schildert Jean Jülich in
seinen Erinnerungen, womit ihn die Edelweißpiraten
1942 beeindruckten: »Als erstes fiel mir die Kleidung
auf. Die Jungen hatten lange Haare statt der streich-
holzkurzen Nazi-Stoppeln, sie trugen kurze Hosen
mit Lederbesatz, karierte Hemden und Halstücher
und wuchtige Kraftriemchen an den Handgelenken,
auf denen ein Edelweiß abgebildet war... Auch die
Lieder gefielen mir besser.« Besser als die der Nazis,
nämlich. »Es waren russische Lieder, Cowboylieder,
Schlagerschnulzen«.
Die Ausstellung »Von Navajos und Edelweißpiraten -
Unangepasstes Jugendverhalten in Köln 1933-1945«,
die bis Anfang dieses Jahres im ELDE-Haus zu sehen
war, war Auslöser für das Projekt »Es war in Schanghai«,
dessen Arbeit als CD-Buch inklusive DVD dokumentiert
ist. Auf der CD interpretieren 16 Kölner Bands diese
Lieder neu. Mal nah am Original, mal meilenweit davon
entfernt, finden sich hier die unterschiedlichsten
Musikstile wieder: Waldhorn-Reggae mit zerbrech-
lichem Gesang, poppiger Rap, Elektro-Pop, Mestizo-
Sound. Die Lieder der Bündischen Jugend sind oft
kaum wiederzuerkennen. Das sei, so Jean Jülich,
gewöhnungsbedürftig: »Doch wenn wir der Jugend
etwas mitteilen wollen, müssen wir ihre Sprache
sprechen.«
Viele der Bands, die auf der CD vetreten sind, sind
auch beim »Edelweißpiratenfestival« wieder dabei.
So werden im Friedenspark auch neue und klassische
Fassungen der alten Fahrtenlieder erklingen, aber
nicht ausschließlich. Es wird eine außerordentliche,
bunte Musikmischung zu hören sein. Initiator Jan Ü.
Krauthäuser: »Als wir an 'Es war in Schanghai'
arbeiteten, stellten wir fest, welch wichtiges, identi-
tätsstiftendes, regionales Kulturpotential hier sechzig
Jahre nahezu unbeachtet geblieben ist.« Das Edel-
weißpiratenfestival soll jedoch nicht nur jenen ca.
5.000 naziresistenten Kölner Jugendlichen ein leben-
diges Denkmal setzen, die dem NS-Terror getrotzt
haben. »Es möchte auch die Ge-
legenheit bieten, sich weiterhin vom Geist der Edel-
weißpiraten und verwandter Jugendgruppen musi-
kalisch und moralisch inspirieren zu lassen«.
So wählte man als Veranstaltungsort auch einen
Park, waren Parks doch die Orte, an denen sich die
Edel-weißpiraten trafen und sangen. Fünf Bühnen
sind im Friedenspark verteilt, und die Besucher
können, vielleicht mit einem Getränk in der Hand,
bald hier- bald dorthin schlendern: Vom punkigen
Shanty-Chor zum elektrischen Lied, vom bündischen
Gesang der Zugvögel zur kölschen Krätzchen-Combo,
die mit Kölner Edelweißpiraten zusammen auftritt.
Und wer will, kann auch selber zur Gitarre greifen
und sich mit dieser Broschüre unter einem Baum
niederlassen. Denn dieses Heftchen ist ein kleines
Liederbuch, einige ausgewählte Lieder, die auch auf
dem Festival zu hören sein werden, sind im hinteren
Teil abgedruckt.
Das Edelweißpiratenfestival im Friedenspark ist aus
Dankbarkeit und Begeisterung für eine fast vergessene
Anti-Hitler-Jugendbewegung entstanden. Stellvertre-
tend für alle, die 2004 an der Wiederentdeckung der
Musik der Edelweißpiraten mitgewirkt hatten, über-
reichte Mucki Koch Projektleiter Jan Ü. Krauthäuser
ihr altes Edelweiß: »Dafür dass Du mit uns 'raus ins
Land gehst und zeigst, dass wir noch da sind. Und
dass unsere Lieder wieder gesungen werden«.
Christian Gottschalk
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