Grußwort der Schirmherrin 2020

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

das Edelweißpiratenfestival erinnert uns an all Jene, die nicht nur aus Leidenschaft, sondern auch als Zeichen des Widerstands gegen den nationalsozialistischen Terror gesungen und musiziert haben. Es führt uns jedes Jahr erneut vor Augen, dass es keineswegs selbstverständlich ist, in einer Demokratie und in Freiheit zu leben.

Durch die Corona-Pandemie mussten wir weltweit auf die Erhaltung der Gesundheit fokussieren. Die aktuellen Zahlen in Köln zeigen: es ist uns gelungen. Wir haben das Virus im Griff. Und auch wenn es nicht minder wichtig geworden ist, die Situation im Blick zu behalten – die Gefahr ist soweit gebannt, dass wir uns wieder um andere Themen kümmern können, die ebenso wichtig sind, um als Gesellschaft gemeinschaftlich und in Frieden zu leben.

Leider ist Vielfalt und kultureller Pluralismus nicht für alle Menschen ein Grundwert. Der zunehmende Hass und die zunehmende Gewalt gegen Jüdinnen und Juden, gegen Geflüchtete, gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe aber auch gegen Polizistinnen und Polizisten, gegen Amtsträgerinnen und Amtsträger – Gewalt scheint eine bizarre Renaissance zu feiern, ein Entwicklung, die ich entschieden ablehne und in Köln nicht dulden werde. Weder in diesen Zeiten der Pandemie – noch zu irgendeiner anderen Zeit.

Gewisse politische Strömungen versuchen – mit teils irrationaler Kritik am Krisenmanagement der Stadt – sogar Kapital aus der derzeitigen Pandemie zu schlagen. Deshalb ist es gerade jetzt wichtig, dass wir uns an den Mut, die Humanität und die Zivilcourage der Edelweißpiratinnen und -piraten erinnern. Sie können uns auch hier und heute wieder Vorbild sein.

So bin ich sehr dankbar, dass trotz COVID-19 das Edelweißpiratenfestival auch in diesem Jahr stattfindet und wünsche Ihnen eine entdeckungsreiche Edelweißpiraten-Tour durch Köln und Umgebung.

Ihre

Henriette Reker

Die Erinnerung an die Edelweißpiraten lebt!

Fast 40 Jahre sind vergangen. 1981 habe ich als Freund von Peter Finkelgruen und damaliger Bundesinnenminister schon einmal ein Vorwort geschrieben. Ich könnte es heute erneut so schreiben, allerdings auch aktualisieren. Seitdem hat sich einiges getan…

Von Gerhart Baum

So erlebe ich Jahr für Jahr, dass sich viele Menschen unter freiem Himmel hier in Köln zu einem Fest in Angedenken der Edelweißpiraten versammeln. Ich freue mich, dass dieses Andenken hier so lebendig ist. Ich treffe die Tochter von Jean Jülich, die in meiner Nähe eine Restauration betreibt und sich an unsere gemeinsame Reise mit ihrem Vater und anderen  nach YAD Vashem erinnert. Und ich habe mich gefreut, als ich kürzlich bei einem Besuch des Museums des Widerstands in Berlin auch auf die Geschichte der Edelweißpiraten gestoßen bin, die dort eingehend dargestellt wird. Welche Widerstände, Verdächtigungen, welches Misstrauen musste Peter Finkelgruen jahrelang erdulden und überwinden, um schließlich die Rehabilitierung dieser Menschen zu erreichen. Ein oft schmerzhafter Prozess für ihn. Und heute: Die Erinnerung an die Edelweißpiraten lebt!
Mit Peter Finkelgruen verbindet mich seit Jahrzehnten eine liberale Grundeinstellung. Und es kommt etwas hinzu:  das Bestreben, immer wieder aufzuklären, wie es zu dem verbrecherischen Naziregime kommen konnte, wie es sich schuldig gemacht hat und wer im Einzelnen dafür verantwortlich war. Die Jüngeren können sich heute kaum vorstellen, wie stark in Teilen der deutschen Gesellschaft nach dem Krieg das Bestreben war, die Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen, auch in der damaligen FDP in NRW. Es wurde ein Schlussstrich gefordert, eine Verjährung für Mord. Tausende der Täter wurden mit einem gesetzgeberischen Trick amnestiert. Vielfach waren die alten Nazis wieder in verantwortlichen Positionen. Dagegen haben wir uns heftig gewehrt und dafür gekämpft, dass nicht Vergessen wurde. Und es stärkt unsere Demokratie bis heute, dass dieser Prozess sich fortsetzt. Die Deutschen haben sich ihrer Verantwortung gestellt.
Das ist heute in besonderem Maße geboten. Die Herausforderung durch Rechtsextremisten war in der Demokratie des Grundgesetzes noch nie so stark wie heute. Wir wissen Bescheid: Alle Fakten, die wir kennen, sagen uns, dass der Rechtsextremismus zu einer wirklichen Gefahr geworden ist. Auch wenn die Mehrheit der Deutschen ihm nicht folgt, reicht der Widerstand nicht aus, weil viele die Entwicklung nicht ernst nehmen. Der Rechtsextremismus verankert sich in den Parlamenten, er wuchert in Gruppen und Subkulturen der Gesellschaft hinein. Er gewinnt an Einfluss und verändert das politische Klima. In ihm steckt ein gewalttätiges Potential, das bisher nur in Ansätzen sichtbar ist. Die Warnungen der Sicherheitsbehörden sind unüberhörbar. Die Rechtsextremisten nutzen das Internet, um sich zusammenzurotten und um Hass zu verbreiten.
Wähler und Sympathisanten der AfD mögen auch andere Motive haben. Extrem konservative Meinungen wurden in der Geschichte der Bundesrepublik immer zum Ausdruck gebracht. Wir haben heftige Debatten geführt, zeitweise auch über Sarrazins rassistische Thesen. Es war nichts tabuisiert. Ich plädiere nicht für pauschale Ausgrenzung von Protestwählern. Eine große Zahl der rechtsextremistischen Wähler identifiziert sich jedoch mit den Inhalten, die ihre politischen Spitzen vertreten. Eine rote Linie ist erreicht, wenn sie militanten Gegnern unserer Demokratie eine Basis bieten. Dann sind sie mitverantwortlich. Das muss man ihnen sagen. Es wird nicht so einfach sein, diese Menschen von den Werten unseres Grundgesetzes zu überzeugen. Nicht nur die Fremdenfeindlichkeit – sie ist Brandbeschleuniger -, macht den Rechtsextremismus  so stark wie nie zuvor. Es ist die als bedrohlich empfundene Globalisierung mit ihrer Wirkung auf alle Lebensbereiche.
Beschwichtigend wird argumentiert, radikale Entwicklungen gäbe es in vielen Ländern. Das beruhigt mich nicht.
Es ist unser Land, das über die ganze Welt Unglück gebracht hat durch ein verbrecherisches, rassistisches Regime. Wir sind das Land der Shoa. Es gehört zum Gründungsmythos der Bundesrepublik, daß sie sich in nachdrücklicher Weise davon distanziert. Sie tut es durch das  Grundgesetz. Die militanten Anhänger der AfD verunglimpfen unsere Demokratie als „System“, das sie abschaffen wollen und Europa gleich dazu. Und in ihrer Islamfeindlichkeit und zunehmend  auch in der Kritik an Israels Politik verbirgt sich Antisemitismus. Teile der AfD werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Die NPD, der die AfD immer mehr ähnelt, ist verfassungsfeindlich. Ein Verbot scheiterte in Karlsruhe nur daran, dass ihr Einfluss nur noch gering ist. Das ist heute bei der AfD anders. Heribert Prantl hält die Aussichten für ein Verbot  für gegeben. Er sieht in der AfD „einen braunen völkischen Kampfverband.“ Die AfD erhält flächendeckend Zuspruch. Früher war  die NPD in einigen Landtagen vertreten und nur zeitweise – und jetzt ist die AfD in allen. Wähler und Sympathisanten der AfD müssen sich bewusst werden, dass diese Partei in die Parteiverbotszone hineinwächst, ob man ein Verbot für sinnvoll hält oder nicht.
Rechtsextreme Strömungen und Parteien wurden in der Geschichte der Bundesrepublik immer unterschätzt. Der Feind stand „links“. In den siebziger Jahren waren neonazistische Kampftruppen eine Gefahr. Während der RAF-Bedrohung habe ich vergebens versucht, Aufmerksamkeit für rechtsextreme Gewalt zu erreichen. In den achtziger und neunziger Jahren gab es Serien von Gewalt bis hin zu zahlreichen Morden – und schließlich das Erschrecken über die NSU-Morde.
Die Lage hat sich verschlimmert. Anders als in den vergangenen Jahrzehnten hat der Rechtsextremismus heute ein Instrument, mit dem er motivieren und indoktrinieren kann. Es ist das Internet, missbraucht als Hassmaschine. Vor allem hat er heute einen neuen fruchtbaren Boden in den Umbrüchen der von  Digitalisierung und Globalisierung ausgelösten Zeitenwende.
Es ist also eine gefährliche Illusion, die  AfD vor allem als ein Ergebnis der Flüchtlingsbewegung von 2015 zu sehen oder generell als Ausfluss einer immer schon immer vorhandenen Fremdenfeindlichkeit. Diese spielt als Brandbeschleuniger sicher eine wichtige Rolle. Pegida ist aber schon vor 2015 entstanden. Jahrzehntelange Untersuchungen zeigen, wie stark  eine „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (Wilhelm Heitmeyer) seit langem in die Mittelschichten eingesickert ist. Und sie geht über Fremdenfeindlichkeit hinaus. Manches erinnert an die Endphase von Weimar.
Der Rechtsextremismus ist in eine neue Phase der Motivierung eingetreten. Er kann seine Anziehungskraft auf der Basis von Unsicherheit, Angst und Fortschrittsfeindlichkeit verstärken. Die Lage verführt dazu, sich kosmopolitischen Herausforderungen zu verweigern und das Heil rückwärtsgewandt am Stammesfeuer des völkischen Nationalstaats zu suchen und nicht etwa in einem starken Europa.
Finkelgruens Buch, so habe ich 1981 geschrieben, sei „eine Leistung der Gegenwart, ein Stück politischer Kultur für uns selbst“. Eine solche politische Kultur ist auch heute Gebot der Stunde.
Bartholomäus Schink und seine Kameraden haben Widerstand geleistet – unter Lebensgefahr gegen eine Diktatur. Weltweit riskieren Menschenrechtsverteidiger in Diktaturen auch heute Freiheit und Leben. Alles läuft nach den bekannten Mustern der Unterdrückung. Wir Deutsche haben nach der Erfahrung mit zwei Unrechtsstaaten das Glück, in Freiheit in einem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nunmehr freien Europa zu leben. Unsere Aufgabe ist es, die Demokratie zu verteidigen, sie zu leben. Unsere Aufgabe ist es, mit denen unterstützend verbunden zu sein, die dieses Glück nicht haben.
Peter Finkelgruen ist ein Beispiel dafür, dass er nach dem schweren Schicksal, das er und seine Familie unter den Nazis erlitten haben, nicht resigniert hat. Er hat wichtige Beiträge zur Festigung einer demokratischen Kultur geleistet. Er hat maßgeblich daran mitgewirkt, den Widerstandskämpfern der Edelweißpiraten ihre Würde zurückzugeben – und das hat exemplarische Bedeutung. Er hat auch alles getan, um gegen heftige Widerstände das Naziunrecht an seiner Familie aufzuklären. Es hat mich sehr beeindruckt, mit welcher Energie er diese schmerzhaften Prozesse vorangetrieben hat. Auch das hatte exemplarische Bedeutung.
Er war in der liberalen Partei daran beteiligt, die alten rückwärtsgewandten Seilschaften abzulösen und eine Politik der inneren Reformen in Gang zu setzen .Der Kalte Krieg wurde  durch eine neue Deutschland- und Ostpolitik abgelöst, mit einer Politik, die nicht auf Revanche, sondern auf Anerkennung der Verhältnisse , also der Nachkriegsgrenzen beruhte.
Besonders wichtig war seine Rolle als Vertreter der Naumann-Stiftung in Israel. Ich habe ihn mehrfach dort besucht. Es ging ihm bei seiner Arbeit nicht nur um das Verhältnis der Deutschen zu Israel. Er hat sich intensiv um die Verbesserung der Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern eingesetzt. Wie weit war sie damals gediehen, vergleicht man das mit der heutigen Situation! Wichtige Netzwerke hat er damals geknüpft – mit Politikern beider Seiten und mit Intellektuellen. Ich erinnere mich an einen Besuch bei Amoz Os in dessen Kibbutz.
Antisemitismus ist immer noch lebendig in unserem Land – häufig versteckt in einer Kritik an der israelischen Politik – aber auch in Zusammenhang mit Angriffen auf die Freiheit der Religion des Islam.
Für alle, die sich über die Wurzeln menschenverachtender Intoleranz orientieren wollen und über die Wege, sie  zu bekämpfen, ist Finkelgruens Leben und sein Buch ein wichtiger Wegweiser.
Gerhart Baum war von 1972 bis 1994 Mitglied des Deutschen Bundestags und zwischen 1978 bis 1982 Innenminister im Kabinett Schmidt II.  Ab 1992 war Gerhart Baum für die UNO tätig. Auch nach seinem Ausscheiden aus der Politik engagierte er sich bis heute weiter für die Themen Bürgerrechten, Umweltschutz und Kulturpolitik.
»Soweit er Jude war…« – Moritat von der Bewältigung des Widerstandes – Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln 1944
https://www.bod.de/buchshop/soweit-er-jude-war-peter-finkelgruen-9783752812367

 

Grußwort der Schirmherrin 2019

Sehr geehrte Festivalgäste
Ich begrüße Sie herzlich zum 15. Edelweißpiratenfestival, das an all jene
erinnert, die nicht nur aus Leidenschaft, sondern auch als Zeichen des
Widerstands gegen das Regime des Nationalsozialismus mit seinen 
Repressionen gesungen und musiziert haben.
Nachdem in den vergangenen Jahren die letzten Edelweißpiratinnen und Edelweißpiraten gestorben sind, gilt es, die Erinnerung an sie auf unterschiedliche Art und Weise wachzuhalten. Ein herausragendes Beispiel ist in dieser Hinsicht die „Gertrud Koch Gesamtschule“ in Troisdorf, die den Namen der wohl nahezu allen Festivalteilnehmern bekannten ‘Mucki’ Koch annahm und diese Namensgebung in Kürze, nämlich am 11. Juli 2019, im Rahmen eines großen Schulfests feiern wird. Es würde „Mucki“ sicherlich sehr gefallen haben, dass sich die nunmehr nach ihr benannte Einrichtungausdrücklich als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ versteht – Werte, der sowohl sie persönlich als auch die Unangepassten der NS-Zeit
sich verpflichtet fühlten. Und so, wie das Edelweißpiratenfestival alljährlich an alle Erscheinungsformen eines selbstbestimmten und unabhängigen Denkens und Handelns erinnern möchte, möchte die »Gertrud Koch Gesamtschule« neben ihrer Namensgeberin ausdrücklich auch allen übrigen Edelweißpiratinnen und Edelweißpiraten ein Andenken setzen.
Gut gefallen hätte der freiheitsliebenden und naturverbundenen ‘Mucki’ Koch sicherlich auch das Motto des diesjährigen Festivals. Tatsächlich haben damals unzählige Jugendliche das ländliche Kölner Umland mit seinen großen Waldflächen als „Zuflucht“ empfunden. Das galt einmal mit Blick auf die Hitlerjugend, die die in eigener Kluft und mit eigener Musik wandernden Gruppen durch ihren „Streifendienst“ unnachgiebig verfolgten. Daher wurden die kleinen Täler des Bergischen Landes und die hinter Bäumen versteckten Seen des Siebengebirges als vertraute Schutzräume empfunden, in die die Gegner nicht einzudringen wagten.
Das Grün und die Ruhe dieser unberührten Orte stellten aber auch mit Blick auf den eskalierenden Bombenkrieg geradezu Oasen dar, in denen die Heranwachsenden zumindest für kurze Zeit der in den Großstädten immer größeren Zerstörung und dem damit einhergehenden Tod ausweichen konnte.
In Zeiten des Klimawandels und des immer wichtiger werdenden Klimaschutzes gewinnt der Wald auch immer mehr an Bedeutung.
Insbesondere junge Menschen setzen sich aktuell mit den „Fridays for Future“ – Demonstrationen verstärkt für einen besseren Klimaschutz ein und treten trotz vieler Widerstände für ihre Visionen ein.
Die Herausforderungen unserer Zeit brauchen nicht nur einen offenen, unvoreingenommenen Blick auf die Dinge, sonders stets auch den Mut, für die daraus resultierenden Erkenntnisse und somit für ein besseres und zukunftsorientiertes Leben einzutreten.
Ihnen allen ein erlebnisreiches Edelweißpiratenfestival 2019!

Henriette Reker

 

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Zuflucht Wald

 

»Im Wald verständigten wir uns untereinander in Partisanenmanier mit bestimmten Pfiffen, besonders dann, wenn der HJ-Streifendienst in der Nähe war. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen kam es zu handfesten Keilereien, aber wir waren so stark, dass wir sie in die Flucht schlagen konnten. Dabei ist manche Klampfe auf dem Kopf zerschlagen worden.«
So wie Jupp Fedler (95), einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen der unangepassten Jugend, damals der katholischen Sturmschar in Wuppertal angehörig, kamen viele unserer Helden ins Schwärmen, wenn sie von ihren Waldabenteuern erzählten. Hier kannten sie sich aus und konnten den Schergen des Hitlerregimes Paroli bieten. Hier trafen sie sich mit Gleich- gesinnten aus anderen Städten und sangen laut ihre geliebten Liede.: »Flucht zum großen Wald, der uns alle birgt«, lautet eine Zeile aus dem »Lied Gefangener Reiter«, die für unser Jahresthema 2019 »Zuflucht Wald« Pate gestanden hat. Es ist eines von 45 Liedern, die wir in unserem Buch »Gefährliche Lieder« 2010 mit vielen, damals noch lebenden Zeitzeugen zusammengetragen haben, um das Erbe der Edelweißpiraten und verwandter Jugendgruppen, mitsamt Noten und Kommentare, sowie vieler Fotos und Biografien zu überliefern. Nachdem die ersten 2000 Exemplare relativ schnell vergriffen waren, haben wir nun endlich eine zweite Auflage herausbringen können, im »Verlag der Jugendbewegung«. Die »Gefährlichen Lieder« könnt ihr, neben unserer Festivaldokumentation (inkl. Musik-CD), am Festival-Infostand oder überall im Buchhandel erwerben.
Darin enthalten ist auch das Lied »En der Blech«. Ein kölsches Spottlied auf den Knast und das Lieblingslied von Peter Schäfer, der im zarten Alter von 13 Jahren verhaftet wurde, kurz nachdem er sich den Sülzer Edel- weißpiraten angeschlossen hatte. Er wurde zunächst im EL-DE-Haus verhört und misshandelt, dann im Klingelpütz inhaftiert und schließlich im »Bewährungslager Ellern« (Hunsrück) interniert. Kurz vor dem Kriegsende konnte er sich bei einem der perfiden Todesmärsche in die Büsche schlagen und im Wald mit knapper Not das Kriegsende erleben.
Peter erzählte uns seine traumatische Geschichte 2004 auf einer Edelweiß- piraten-Tour im Königsforst an einen Baum gelehnt. Es war das erste mal, dass er öffentlich darüber sprach und sehr froh, dass er das schaffte ohne zu weinen. Am Ende rief er mehrfach, »ich war doch erst dreizehn! Ich war doch noch ein Kind!« – Dann sang er mit seinen Freunden von SakkoKolonia »En der Blech« und konnte wieder Lachen.
Solche Erlebnisse haben uns dazu bewogen, im Jahr darauf das Edelweiß- piratenfestival zu gründen. Wir wollten, dass diese tollen Menschen, diese erstaunliche Jugendbewegung, nicht vergessen wird; Dass sie Teil unserer Heimatgeschichte, unseres Brauchtums wird und bleibt!
Fünfzehn Jahre später freuen wir uns riesig, dass unsere Idee, der unan- gepassten Jugend der Nazidiktatur ein Denkmal in Form eines Musikfestivals zu widmen, so begeistert mit Leben gefüllt, von so vielen Musiker, Helfern und Besucher getragen wird! Dankeschön! Let’s stay together!

Jan Krauthäuser
Edelweißpiratenclub e.V

Grußwort der Schirmherrin 2018

Liebe Festivalgäste

Herzlich willkommen zum 14. Edelweißpiratenfestival, bei dem mehr als zwanzig sehr unterschiedliche Bands den unangepassten Jugendlichen der NS-Zeit ein klingendes Denkmal errichten und ihnen damit ihre Ehre erweisen.Traurig stimmt mich, dass es praktisch keine lebenden Zeitzeugen mehr gibt, die uns durch das diesjährige Festival begleiten können. Nun gilt es, nach mehrfachem Abschiednehmen, nach vorn zu schauen. So haben die Organisatoren das diesjährige Festival unter das Motto »Weitersagen!« gestellt. Sie treffen damit nicht nur den Kern des Problems des schrittweisen Verschwindens der Zeitzeugengeneration der NS-Zeit, sie machen damit indirekt auch auf aktuelle, besorgniserregende Tendenzen aufmerksam.
Gerade in Zeiten von zunehmendem politischen Populismus, neu aufkeimendem Antisemitismus und einer offenbar »mitten in der Gesellschaft« angekommenen Verharmlosung der Jahre zwischen 1933 und 1945 und der damals begangenen Verbrechen, ist es notwendiger denn je, sich am Beispiel der damaligen »Unangepassten« vor Augen zu halten, dass gegen solch bedrohliche Entwicklungen möglichst früh und in aller Deutlichkeit Stellung bezogen werden muss. Genau das war ja Sinn und Zweck damals, das Edelweißpiratenfestival ins Leben zu rufen, das sich gerade in dieser Hinsicht von Beginn an auch als »Denk mal« begriff. Dabei sollte es keinesfalls nur an die Vergangenheit erinnern, sondern stets auch Handlungsperspektiven für Gegenwart und Zukunft aufzeigen.
Es war von Anfang an geplant, dass alles aus den Festivals, den Liedern, der zu diesem Anlass stets gezeigten Ausstellung des NS-Dokumentationszentrums über die »Unangepassten« und insbesondere aus den Erzählungen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen resultierende Wissen an möglichst viele junge Menschen weitergegeben werden soll.
Möge dieses Festival dazu beitragen, unsere Welt ein kleines Stückchen besser zu machen. So rufe ich Ihnen allen zu: „Weitersagen!“

Henriette Reker
Schirmherrin des Edelweißpiratenfestivals

Grußwort der Schirmherrin 2017

Liebe Festivalgäste, wir erinnern uns nun schon zum 13. Mal an all Jene, die nicht nur aus Leidenschaft, sondern auch als Zeichen des Widerstands gegen das Regime des Nationalsozialismus mit seinen Zwangsmaßnahmen und Repressionen gesungen und musiziert haben.
Das Motto des diesjährigen Festivals finde ich besonders interessant: „Wir lachen, wenn man uns hetzt.“ Für mich steht dieser Satz für das Selbstverständnis der unangepassten Jugend der NS-Zeit. Humor und Ironie waren wesentliche Elemente im Denken und Handeln der Navajos und Edelweißpiraten. Diese Eigenschaften prägten in erheblichem Maße die Freizeitgestaltung dieser Gruppen jenseits von Hitler Jugend und Bund Deutscher Mädchen. Ein Gegenpol zu den Prinzipien Zucht und Ordnung, welche die Reichsjugendführung propagierten.
Jungen und Mädchen gingen – und das war bei der Hitlerjugend unvorstellbar – gemeinsam „auf Fahrt“. Sie suchten dabei ganz besonders während des Krieges Vergnügen und Entspannung jenseits des oft traurigen und trostlosen NS-Alltags. Humor legten sie hierbei reichlich an den Tag. Mädchen und Jungen haben nicht selten die Kleider getauscht, um in die Rolle des anderen Geschlechts zu schlüpfen. Diesen Spaß hielten sie dann fotografisch fest – abstoßend und inakzeptabel in den Augen der NS-Protagonisten.
Auch sonst wurde LACHEN während der abendlichen Treffen und „auf Fahrt“ am Wochenende groß geschrieben. Das drückte sich besonders in den Liedern aus, die sie bei diesen Anlässen sangen. Mit bekannten umgetexteten und mit Ironie gespickten Liedern rebellierten diese mutigen jungen Menschen gegen die Hitlerjugend, die sich nicht gerade durch Humor auszeichnete und deshalb dankbares Ziel solcher Provokationen war.
Dabei schreckten die Unangepassten selbst vor einer äußerst eigenwilligen Adaption eines der wichtigsten HJ-Lieder nicht zurück. Aus den in den NS- Jugendorganisationen emotional hochbeladenen Versen „Unsere Fahne flattert uns voran, in die Zukunft ziehen wir Mann für Mann“ wurde mit Blick auf den recht opulenten Reichsjugendführer Baldur von Schirach die Version „Unser Baldur flattert uns voran, unser Baldur ist ein dicker Mann“.
HJ und Gestapo zeigten sich angesichts solch provokativer Akte weitgehend machtlos. Trotz häufiger Kontrollen und massiver Strafandrohungen gelang es ihnen nie, diese Lieder zu unterdrücken. Die unangepassten Jugendlichen fühlten sich deshalb animiert, immer neue Verballhornungen zu kreieren und Spottverse zu dichten. So versuchten sie, die von Carola Stern so betitelte „Singediktatur“ der Jahre zwischen 1933 und 1945 durch ihre eigenen Lieder zumindest ein Stück weit auszuhöhlen und brüchiger zu machen.
Dem Plädoyer des lange Jahre in Köln lehrenden Musikwissenschaftlers Wilhelm Schepping stimme ich zu: Wir sollten nicht nur einseitig betrachten, „wie Singen in der NS-Zeit zu benebeln, zu indoktrinieren und zu manipulieren suchte“. Vielmehr ist die lange vernachlässigte Perspektive stärker in den Blick zu nehmen, wie wirkungsvoll „das Lied auch als Mittel gegen Indoktrination und Manipulation von Meinung und Bewusstsein gedient“ hat.
Die unangepassten Jugendlichen der NS-Zeit jedenfalls sangen trotz aller Repressionsversuche unverdrossen ihre mit Humor und Persiflage gewürzten Lieder gegen politische Einvernahme und Anpassung.
Und heute sorgt das Edelweißpiratenfestival dafür, dass diese Lieder nicht vergessen werden. Gerade in unserer modernen Zeit mit grimmig auftretenden und wieder nach „Zucht und Ordnung“ rufender Rechtspopulisten ist es aus meiner Sicht nötig und hilfreich, sich des Liedguts der mutigen jungen Helden von damals zu entsinnen. Möge uns das 13. Edelweißpiratenfestival inspirieren, wie wir unter- drückenden und Menschen verachtenden Machttendenzen heute wieder wirkungsvoll begegnen können!
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauern oder, besser gesagt, liebe Zuhörerinnen und Zuhörern, ein fröhliches und erheiterndes Programm – es darf Sie natürlich gern auch anrühren und nachdenklich machen.

Henriette Reker